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N° 02 März 2023

Wenn Sustainability zur «License to operate» wird

Interview mit Thomas Nauer, Head of Sustainability, Marketing-Communication bei Gurit AG

 

Was waren bei Gurit die wesentlichen Treiber, um das Thema Sustainability anzugehen?

Auslöser waren Investoren, die Interesse daran hatten, dass Gurit aufgrund eines guten Sustainability Ratings in die als nachhaltig gelabelten Fonds aufgenommen wird. Entsprechend wird die Aktie häufiger gekauft. Gurit hat sich vor etwas mehr als drei Jahren auf die Windenergiebranche fokussiert. Da erwarten Kunden durchaus Nachhaltigkeitsperformance von ihren Lieferanten, insbesondere betreffend CO2-Ausstoss, Energieverbrauch, Abfallvermeidung, Rezyklierbarkeit und der Einhaltung von sozialen Standards. Mehrere Kunden haben sich inzwischen öffentlich zu Zero Waste verpflichtet, was sich natürlich auf die Lieferkette auswirkt. Darüber hinaus ist die Nachhaltigkeit für das Employer Branding wichtig geworden.

Welche Stakeholder haben für das Thema die grösste Relevanz?

Anfangs waren es Investoren, heute sind es die grossen Kunden sowie die bestehenden und zukünftigen Mitarbeitenden.

Wie habt Ihr es bei Gurit geschafft, die ganze Organisation bei dem Thema mitzunehmen? Vom Management bis zu den Mitarbeitenden…

«Geschafft» ist ein weiter Begriff. Wichtig waren und sind folgende Punkte: Wir haben versucht, die relevanten und wesentlichen Themen anzugehen, auch wenn diese nicht immer einfach und bequem sind. Darüber hinaus haben wir verschiedene Funktionen mittels ursprünglich elf, heute acht Arbeitsgruppen eingebunden. So wurden knapp 100 Personen direkt und indirekt in die Sustainability-Thematik involviert. Schliesslich haben wir vor allem die interne Kommunikation hochgefahren, mit einem monatlichen Newsletter, einem Video, Intranet News und Social Media Beiträgen. Und am Anfang stand auch die Überprüfung und Neuformulierung der Unternehmenswerte. Als Teil dieses Prozesses wurde Sustainability zu einem authentischen Bestandteil der Marke Gurit.

«Wer nichts zur Verbesserung der Nachhaltigkeit beitragen kann, riskiert früher oder später von einem Start-up mit einer innovativen Lösung verdrängt zu werden.»

Wie habt Ihr Struktur in die grosse Komplexität der Thematik gebracht? 

Wir haben unsere Sustainability Strategie in fünf Bereiche aufgeteilt: Umwelt, Soziales, Governance, Gesundheit & Sicherheit am Arbeitsplatz und schliesslich die «Economic Performance». Dazu kamen dann die zuvor genannten Workstreams. Diese befassen sich mit spezifischen Themen, die einigermassen klar und mehr oder weniger greifbar sind. Schliesslich haben wir uns letztes Jahr 41 konkrete Ziele gesetzt und überprüfen diese regelmässig.

Habt Ihr für die Umsetzung von Sustainability neue Partner gewonnen? Hat sich Euer Ecosystem verändert?

Es gibt mit verschiedenen Kunden sogenannte «Early Engagements», da werden spezifische technische Fragen für zukünftige Produkte frühzeitig diskutiert, etwa zu den Themen Circularity, Abfallvermeidung, Energieverbrauch und CO2-Ausstoss. Das sind nicht zwingend neue Kunden, aber Nachhaltigkeit schafft Kundenbindung. Wer nichts zur Verbesserung der Nachhaltigkeit beitragen kann, riskiert - aus meiner Sicht - früher oder später von einem Start-up mit einer innovativen Lösung verdrängt zu werden. Dazu entstanden ein Dutzend neue, klar von Sustainability getriebene Kontakte und Projekte mit Partnern aus Wissenschaft, Industrie und Behörden. 

Was sind die grössten Barrieren in der langfristigen Umsetzung?

Dazu gehören bestimmt die Schwierigkeit, belastbare und aussagekräftige Daten zu bestimmten Fragestellungen zu bekommen, die unklaren Rahmenbedingungen – lohnt sich der Aufwand oder kommt in ein paar Monaten ein neuer Standard oder eine neue Erkenntnis? -  und natürlich die Verfügbarkeit von Mitarbeitenden mit entsprechenden Kenntnissen und Zeitbudgets. Weiterhin schwierig im aktuellen, inflationsgebeutelten Umfeld bleibt die Finanzierung von technologischen Verbesserungen, die sich erst nach ein paar Jahren auszahlen. 

Was sind bis heute die grössten Erfolge für Gurit in Bezug auf Sustainability?

Zu den grössten Erfolgen gehört der Umstand, dass wir überhaupt in so kurzer Zeit so weit gekommen sind. Letztes Jahr wurde an der SIX Stock Exchange unser Nachhaltigkeitsbericht als Top Aufsteiger des Jahres gewürdigt, auch in einzelnen Ratings konnten wir uns stark verbessern. Intern ist sehr viel passiert, man macht sich Gedanken zu neuen Projekten, Produktverbesserungen oder gar neuen Geschäftsfeldern im Bereich Recycling. 

«Ich wage die These, dass ohne Sustainability bald keine Wertschaffung mehr möglich sein wird.»

Lässt sich für Gurit bereits ein Zusammenhang zwischen Sustainability und Wertschaffung herstellen? 

Als Zulieferer der Windenergieindustrie wird Nachhaltigkeit schon fast «zwingender» Bestandteil einer «License to operate». Kunden haben sehr konkrete und ambitionierte Erwartungen formuliert. Daher wage ich die These, dass ohne Sustainability bald keine Wertschaffung mehr möglich sein wird. Seit mehreren Jahren schafft Gurit bereits viel Wert mit dem Recycling von PET-Flaschen. Diese werden in Strukturkernwerkstoffe für Windturbinenblätter verarbeitet. Zudem vermeiden wir weiteren Abfall, indem wir unsere Extruder und Kittinganlagen am selben Ort platzieren und den Fräsestaub und Reststücke von den CNC-Maschinen gleich wieder im Extruder recyclen. Das spart Material, Emissionen, Transporte und auch Kosten. Ein nachhaltiges und erfolgreiches Geschäftsmodell. 

Wie integriert Gurit die Nachhaltigsbestrebungen in seine langfristige Geschäftsstrategie?

Sustainability ist integraler Bestandteil der Unternehmensstrategie 2025 und die Unternehmensvision wurde als «With Passion for a Sustainable Future» definiert. Das Kundenbedürfnis, in Zukunft Zero-Waste-Endprodukte auf den Markt zu bringen, beeinflusst klar die Geschäftsstrategie von uns Zulieferern. Nachhaltigkeitsprinzipien wurden in der Produktentwicklung verankert und neue, nachhaltigere Materialien werden neben Wiederverwertungsanlagen und Dienstleistungen als vielversprechende neue Geschäftsfelder geprüft. Ein weiteres wichtiges Element ist das «Safety First» Programm, die Unfallzahlen sollen weiter verringert und die Gesundheit und Sicherheit am Arbeitsplatz fest mit der Unternehmenskultur verbunden werden.

Internationale Startegieberatung bruhnpartner
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